Schwärmereien …

Gedanken zu meiner nächsten Ausstellung  (zur Einladung hier…)

Als Kind kletterte ich mit grosser Begeisterung auf Bäume, Dächer und andere Ausgucke – je höher desto spannender. Ich vergass manchmal richtiggehend die Welt um mich herum. Ich stellte mir vor, wie es sein könnte, als Vogel die Welt von ganz weit oben zu betrachten. Auf die Silberpappel nahe beim Bauernhof stieg ich unzählige Male. Auch wenn meine Arme mit der Zeit zu kurz waren, sog es mich förmlich auf diesen schnellwachsenden Baum hinauf – vor allem in der Zeit, wenn er seine feinen, flaumigen Samen schweben liess und der Hof wie eine mit Schnee bedeckte Landschaft war. Ab und zu ging ich auch heimlich in den Hühnerhof, kletterte mit einem Huhn unter dem Arm aufs Hühnerhausdach und liess das Huhn über den Zaun fliegen …


Im Mai gab es damals noch viele, viele Maikäfer. Jahre später kam mir ein Schreiben der Gemeindeverwaltung Niederwil an meine Eltern in die Hand. Sie wurden aufgefordert, dem Gemeindeaufseher 49 Liter tote Maikäfer abzuliefern. Für jeden Liter Käfer zu wenig würden sie mit einer Busse von 40 Rappen gebüsst. Zu Recht klingt das Lied von Reinhard Mey in meinem Kopf „… und es gibt keine Maikäfer mehr“, schade!
Schwalben waren auf unserem Hof sehr beliebt. Sie nutzten den Kuhstall als sicheren Brutplatz für ihre Nester. An einem Sommertag beobachtete ich, wie sich eine Schwalbe im Stall direkt auf die Schulter meines Grossvaters setzte. Dieser Vertrauensbeweis beeindruckte mich tief.
Unsere Nachbarin Katrin spazierte regelmässig an unserem Hof vorbei, um Einkäufe im Dorfladen zu machen. Ihre rundliche Figur und ihr rotes Kleid mit schwarzen Punkten erinnerten uns Kinder an ein Glückskäferli. Und wenn dann ein kleines Glückskäferli auf unserer Fingerkuppe krabbelte, sangen wir „Katrindli flüg uf, flüg uf …“.
Im Herbst, wenn die Birnen reif waren, befestigte mein Vater eine Kuhglocke in der Baumkrone des Birnbaums nahe bei unserem Hof. Eine lange Schnur führte von der Glocke zur Scheune. Diese betätigten wir, um die Stare zu vertreiben, wenn sie zu viel von den Birnen schnabulierten.
In den kalten Wintermonaten fütterten wir die hiergebliebenen Vögel mit schrumpfligen und angefaulten Äpfeln und trockenem Brot nahe beim Hof.
Der Heustock meiner Eltern war ein begehrter Spielort für mich. Von einem Dachbalken in luftiger Höhe, liess ich mich genüsslich ins weiche Heu fallen.
In dieser Zeit kamen in meinen Träumen oft utopische Flugmaschinen vor, welche sich quietschend und knatternd am Himmel fortbewegten.
Mit der Ausstellung „Schwärmereien“ versuche ich diese Kindheitserinnerungen voller lebendiger Wesen und Objekte, Vögel, Schwärmer, Glühwürmli wieder aufleben zu lassen. Ich denke da an mutige Flugpioniere, die den Wunsch verspüren, ein wenig abzuheben – auf dem Boden oder in der Luft, mit oder ohne Antriebskraft, aber immer mit grosser Begeisterung und Lebensfreude.

Martin Hufschmid, im Juli 2019

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.